Was wurde aus dem radioaktiven Erbe der Uhrenindustrie?
Shownotes
Bis in die 1960er-Jahre wurden in der Schweiz Ziffernblätter von Uhren mit radioaktiver Leuchtfarbe bemalt. Von Frauen, in ihrem Zuhause, ohne besondere Schutzvorkehrungen. Und lange Zeit war nur wenig über diese Frauen und über ihre Schicksale bekannt.
Die Journalistin Livia Grossenbacher und die Historikerin Corinne Geering sind auf Spurensuche gegangen. Sie haben über zwei Jahre lang recherchiert, in Archiven gesucht, mit Historikern und Behördenvertreterinnen gesprochen und an den ehemaligen Wohnorten der sogenannten Radiumseetzerinnen geklingelt. Daraus ist eine fünfteilige Podcastserie entstanden, die im vergangenen Herbst bei der Republik erschienen ist.
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Host: Lucia Herrmann Gast: Livia Grossenbacher Produktion: Laura Bachmann
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00:00:05: In der Schweiz werden seit Jahrhunderten Uhren hergestellt.
00:00:09: Aber kennen Sie dieses Kapitel der Geschichte?
00:00:14: Stellen sie sich vor, eine Frau die zu Hause in ihrem Wohnzimmer sitzt und ein Ziffernblatt bemalt mit radioaktiver Leuchtfarbe ohne besondere Schutzvorkehrung.
00:00:33: Es gab viele dieser Frauen in der Schweiz bis in die neunzehnsechziger Jahre aber heute weiß man nur noch wenig über sie.
00:00:41: Die Journalistin Livia Großenbacher und die Historikerin Corin Gehring sind auf Spurensuche gegangen.
00:00:47: Sie haben über zwei Jahre lang recherchiert, halbwertszeit – so heißt sie fünfteilige Podcast-Serie, die daraus entstanden ist.
00:00:56: Im vergangenen Herbst ist sie bei der Republik veröffentlicht worden Und gerade hat sie einen journalistischen Nachwuchspreis erhalten.
00:01:08: Wir blicken zurück auf die Produktion der Serie und fragen was für Reaktionen gab es?
00:01:13: Und wie blicken die Autorinnen heute auf ihre Recherche?
00:01:19: Sie hören Update, ein Podcast der Republik.
00:01:22: Hier sprechen wir darüber, wie es nach einer Geschichte weitergingen.
00:01:28: Mein Name ist Lucia Herrmann.
00:01:30: Herzlich willkommen, Livia Großenbacher!
00:01:32: Hallo und Lucia, guten Morgen.
00:01:34: Schön, dass ich hier sein darf.
00:01:39: Sie hat kein Gesicht, keine Stimme.
00:01:42: Wir wissen weder warum sie dieser Arbeit nachgeht noch was sie gerne macht wenn sie nicht arbeitet Wenn die Farbe auf ihrem Pinsel noch heute, solange später ihre Wohnung schädlich macht.
00:01:56: Dann macht diese Farbe auch die Frau selbst
00:01:59: krank.
00:02:05: Livia, wer waren diese Frauen?
00:02:08: Die in ihren Wohnzimmern saßen und Ziffernblätter bemalten mit radioaktiver Leuchtfarbe?
00:02:14: Radiomsetzerinnen sind Frauen, die für die Uhrenindustrie in der Schweiz gearbeitet haben.
00:02:20: Das waren wirklich vorwiegend Frauen, Die bemalten die Zifferblätter von Uhren, von Hand mit ganz feinen Pinseln.
00:02:32: Mit den Ziffern und diesen kleinen Strichen manchmal auch, die am Rand eines Zifferplatz sind... ...von Hand.
00:02:39: Und das Besondere an dieser Farbe war dass sie eben geleuchtet hat im Dunkeln?
00:02:44: Genau!
00:02:45: Und zwar diese Farbe in dunkeln geleuchtete weil sie radioaktiv war also weil sie radium enthielt als dieses Produkt, diese Leuchtfarbe auf den Markt gekommen ist.
00:02:59: Ein Mega-Hype!
00:03:01: Das war in den neunzehntzwanziger Jahren?
00:03:03: Ja glaube ich, nineteen zehn, neunzentzwanzig so genau und es wurde auch zum Beispiel im Ersten Weltkrieg eingesetzt weil dann zb die Soldaten im Dunkeln halt die Zeit ablesen konnten auf ihren Armbanduhren Und von da an ging es dann quasi halt in die Massenproduktion und es wollten dann alle Leute im Dunkeln, die Uhrzeit ablesen können.
00:03:26: Ist ja auch praktisch.
00:03:29: Auch auf zum Beispiel Notausgangsschildern im Kino oder so wurde auch diese Farbe verwendet.
00:03:35: Also alles was du dir vorstellst, was halt dem Dunkeln leuchtet, wurde mit dieser Farbe bemalen.
00:03:44: Bis in den neunzehnsechziger Jahre wurde diese Arbeit ausgeführt – in Wohnungen, in der Schweiz.
00:03:51: Und dann wurde das irgendwann illegal und diese Arbeit, diese Heimarbeit hat aufgehört.
00:03:58: Aber was halt trotzdem übrig bleibt ist ja der Stoff, weil wir wissen aus Diskussionen um Kernkraft
00:04:04: usw.,
00:04:05: dass radioaktive Stoffe extrem lange radioaktiv bleiben.
00:04:10: Was natürlich weiterhin vorhanden war, war der Abfall Und das waren spezifisch Farbfläschchen, die auf einer ehemaligen Müllhalte in Biel wurden die entsorgt.
00:04:21: Also vergraben?
00:04:23: Ja also es war einfach eine Mülldeponie und diese Radiomsetzerinnen haben vermutlich diese Farben halt in den Abfall geworfen nachdem dieses Flaschen leer war weil es wurde ihnen ja nicht gesagt dass sie das nicht durften.
00:04:39: Die wurden überhaupt nicht über diese Gefahren groß informiert Und das bedeutet, diese Deponie wurde dann irgendwann geschlossen.
00:04:48: Dann wurden dort Schrebergärten drüber gebaut und dann war es... ...zwei tausends zwölf als dann eine Autobahnsanierung stattfand und dieses Schrebergärten dem
00:05:02: Weichen mussten.
00:05:03: Ja
00:05:03: genau!
00:05:04: Und dann wurden dort diese Flaschen gefunden und dann dachte man sich ja vielleicht würde es sich lohnen
00:05:12: Einmal
00:05:14: nachzugehen, ja.
00:05:15: Also ganz schön viel Zeit die da zwischendrin verstrich.
00:05:20: Nach diesem Fund der Fläschchen außerhalb von Biel gab es erstmals eine systematische Untersuchung.
00:05:28: Den Aktionsplan Radium
00:05:30: wurde in Auftrag gegeben von den Behörden das gesucht wurde.
00:05:33: wo gab's überhaupt?
00:05:35: In Biel allgemein in der Schweiz Frauen, die zu Hause mit solchen radioaktiver Farbe gearbeitet haben.
00:05:43: Daraus ist eine Studie entstanden.
00:05:44: es gibt Adressen
00:05:46: und dann wurden aufgrund dieser Liste dann alle diese Liegenschaften kontrolliert ob sie wirklich zu radioaktiv sind und wenn nötig wurden die dann saniert.
00:06:01: Diese Sanierungen muss man sich vorstellen, da muss wirklich alles rausgerissen werden.
00:06:06: Weil die Radioaktivität ist ja zum Beispiel in Abwasserrohren wo die Frauen den Pinsel ausgewaschen haben im Boden, im Paket als die Farbe auf dem Boden getropft ist so was.
00:06:19: aber grundsätzlich müssen dann halt auch oft Wände rausgenommen werden, Küchen müssen ersetzt werden.
00:06:27: Also man muss sich das so vorstellen es ist nicht damit getan dass man ein Abflussrohr ersetzt und dann sagt jetzt sind wir fertig und können zur nächsten Liegenschaft sondern es wurden wirklich auch ganze Gärten umgegraben.
00:06:40: also es sind sehr großflächige Sanierungen die da getätigt werden mussten.
00:06:48: Das ist gar noch nicht so lange her etwas mehr als zehn Jahre und die Öffentlichkeit wurde in dem ersten Schritt groß drüber informiert.
00:06:56: Genau, das hat der Bund im Nachhinein so gerechtfertigt dass man die große Öffentlichkeit, die breite Öffentlichkeit nicht alarmieren wollte.
00:07:08: Man wusste für diese erste Phase von diesem Projekt ja auch nicht wirklich wie viele Liegenschaften sind betroffen.
00:07:16: Wie groß ist das Ausmaß dieser Gefahr?
00:07:19: Und im Nach hinein hat sich aber ja der Bundesrat auch entschuldigt, dass die Öffentlichkeit nicht über diese Gefahr informiert wurde.
00:07:28: Weil es dann wirklich zu einem Zeitpunkt, wo man dann mehr Informationen hatte, auch nicht getan wurde.
00:07:39: Ich fahre nach Biel zu den Wohnungen, die man nach dem Zufallsfund auf der Baustelle
00:07:44: ausgab.
00:07:44: Ihr seid aber selber für die Podcastserie auch auf die Suche gegangen und nach Biele und auf die Straße und ihr habt direkt bei Leuten zu Hause geklingelt.
00:07:54: Lass uns da mal kurz rein
00:07:55: hören.
00:08:09: Wie war das für dich, einfach direkt bei Leuten vorbeizugehen und an ihrer Haustür zu klingeln?
00:08:13: Wir waren ja da um über diese Sanierungen was ausfindig zu machen.
00:08:18: Das heißt es ging nicht grundsätzlich darum neue Adressen zu suchen.
00:08:24: wir haben trotzdem welche gefunden.
00:08:26: dann kann ich nachher noch etwas dazu sagen.
00:08:29: aber um deine Frage zu beantworten Es war für mich schon ein Schritt außerhalb meiner Komfortzone.
00:08:38: Wir haben das ja zusammen gemacht, ich und die Produzentin Vivienne Custer von der Republik.
00:08:44: Vivienne war da voll in ihrem Element... Ich fand es super, super spannend auch wie die Leute reagiert haben als wir dann dort aufgekreuzt sind.
00:08:53: Wie haben die Leute reagiert?
00:08:54: Viele waren gar nicht zu Hause klar!
00:08:57: Das war so immer zur Letdown Und viel gab es aber auch so Verwirrung.
00:09:03: Welche Sanierung wir genau meinen?
00:09:06: Eine Frau dachte irgendwie, wie sind von der Verwaltung oder so?
00:09:09: und hat uns dann in ihre Wohnung eingeladen und hat die ganzen Mängel in ihrer Wohnung gezeigt und warum diese Wohnung saniert werden müsste hatte überhaupt nichts mit Aktivität zu tun.
00:09:19: Genau!
00:09:20: So sehr glanzfund den man im Podcast natürlich auch hört dass wir tatsächlich einen Mann gefunden haben, der uns die Tür aufgemacht hat und gesagt hat, ja.
00:09:31: Die sind hier tatsächlich messen gekommen ... Nein, die sind hier abklärend
00:09:36: und haben keine gefunden.
00:09:38: Mögen Sie mich daran erinnern noch, was Sie das hier so abklären, wie es denn war?
00:09:42: Ja, ja!
00:09:42: Und dann haben sie vor allem den Kauern geschaut und der Rest.
00:09:46: Egal, dass ich
00:09:48: auch hingefahren
00:09:49: habe, aber da ist nichts gefunden.
00:09:50: Die vom BAG, also des Bundesamts für Gesundheit, sind dort aufgekreuzt in dieser Liegenschaft in den Dachboden das ganze Haus ausgemessen, wie man das macht mit so einem Zähler-Halt und Radioaktivität zu messen.
00:10:08: Es wurde dann nicht saniert, es war nicht nötig.
00:10:11: Aber ja also das heißt wir haben diese Spuren tatsächlich gefunden.
00:10:15: aber es gab auch viele Leute die eben nicht wussten dass diese Sanierung überhaupt stattfanden.
00:10:23: Wir sind dann auch bei Adressen vorbeigekommen Wo wir davon ausgingen, dass BAG war auch da.
00:10:28: Wir habt ihr das erlebt und die haben uns angeguckt und fanden was BAG?
00:10:34: Das waren noch nie ... Von dem wissen wir nichts!
00:10:37: Und so haben wir dann eigentlich während unseren Besuchen gemerkt, dass wir da wahrscheinlich nochmal auf neue Adressen gestoßen sind.
00:10:46: Was habt ihr denn mit diesen Adressern gemacht?
00:10:47: Habt ihr die weitergemeldet ans Bundesamt für Gesundheit?
00:10:50: Ja
00:10:51: genau, die haben wir gemeldet und ich habe jetzt auch für die Update-Folge nochmal nachgefragt, was dort der Stand ist.
00:11:00: Und tatsächlich sind in diesem Quellendokument ungefähr zwanzig Adressen verzeichnet, die das BAG im Rahmen dieses Aktionsplans kontrollieren will und die ersten Liegenschaften davon, die sollen dann jetzt, zweizigzechsundzwanzig nach der Sommerpause in Angriff genommen werden.
00:11:21: Dort werden dann die Eigentümer innen kontaktiert.
00:11:25: Warum dauert das so lange?
00:11:27: Weil der Aktionsplan Radium ist ja eigentlich zwanzig, dreiundzwanzig abgeschlossen worden und das heißt es gibt kein Budget, dass einfach so vorliegt sondern die müssen das ihr extern anfragen und das heisst Es ist ultra wichtig, dass Leute die vermuten Dass sie in einer betroffenen Liegenschaft leben könnten Das melden den BRG.
00:11:51: Aber gleichzeitig muss dann halt jetzt diesen Zeitpunkt das BAG auch quasi für jede Kontrolle ein neues Budget anfragen, weil das Projekt offiziell ja beendet ist.
00:12:02: Was ist denn mit den Uhren?
00:12:03: Also ich komme darauf, weil ihr habt ja als Reaktion auf die Serie auch ziemlich viele praktische Fragen bekommen.
00:12:09: also was macht jemand der sagt Ich habe noch so eine alte Uhr Die hab' ich von meinem Großonkel Urgroßvater geschenkt bekommen.
00:12:17: Ich glaube die hat auch so einen Ziffernblatt das mit diesen Farben bemalt wurde, was macht man damit heute?
00:12:23: Diese Frage wurde uns tatsächlich ziemlich oft gestellt.
00:12:27: Man kann diese Uhren einschicken und ganz offiziell vom BAG untersuchen lassen.
00:12:34: Man kan sich melden – man findet dazu entweder die Informationen online.
00:12:39: Am einfachsten ist es wohl wenn man in die Suchmaschine seiner Wahl eingibt, Uhr auf Radium untersuchen oder man kann sich dann direkt per E-Mail melden unter der Adresse str.atbag.atmin.ch.
00:12:55: Ich sage noch ein zweites Mal, str.atbag.atmine.ch und das BAG kann einem dann bei Bedarf diese Uhr kontrollieren und dann auch entsorgen.
00:13:17: Mal ganz banal gefragt was ist denn genau gefährlich?
00:13:20: Heute noch in diesem Wohnung.
00:13:22: Die
00:13:22: Strahlung, die jetzt in diesen Wohnungen ist, ist nicht sofort lebensgefährlich.
00:13:27: Also das ist sehr wichtig, dass klar dargestellt wird.
00:13:31: Wenn man lange, lange, jahrzehntelange in diesen Wohnungen lebt und diese nicht zorniert werden dann gibt es eine Gefahr am Ende des Tages.
00:13:41: was wichtig ist Radioaktivität setzt sich in den Knochen ab.
00:13:45: also die radioaktive Strahlung beschädigt die Knoche Und das heißt Die Knochen werden im schlimmsten Fall brüchig und natürlich es beschädigt die Zellen im Körper.
00:13:58: Und das kann Krebs auslösen, aber wenn jetzt jemand ein zwei Jahre in einer Wohnung lebt, die eigentlich zu radioaktiv ist, ist die Chance dass es gleich einen körperlichen Schaden auslöst sehr geringen.
00:14:13: Das heißt man muss diese Wohnung insanieren Besonders im Hinblick auf Langzeitfolgen.
00:14:20: Ist das auch der Grund, warum der Bund so lange nichts gemacht hat?
00:14:24: Nein!
00:14:25: Man muss davon ausgehen, dass es nicht der Grund ist.
00:14:28: Der Grund ist, dass diese Radiumsetzerinnen wirklich immer zwischen Tisch und Stühle gefallen sind.
00:14:37: Grundsätzlich können wir sagen, es waren Frauen aus einer sozialtieferen Schicht.
00:14:42: Es waren Frauen die kein Fixes Arbeitsverhältnis mit einem bestimmten Arbeitgeber haben.
00:14:49: Das heißt, sie arbeiten einmal für Fabrik X, einmal für Arbeitgebern Y und müssen sich ihre Arbeit auch selber beschaffen und werden pro Stück bezahlt.
00:15:01: Das heisst, Sie verdienen sehr schlecht und sind auch wegen diesem arbeitsverhältnissen fehlenden Arbeitsverhalten nicht in irgendwelchen Register erfasst in der Schweiz Griff und dann das Radium setzen verboten wurde.
00:15:22: Um alle offiziellen Arbeitsstellen zum Beispiel in Fabriken, da hat man sich darum gekümmert.
00:15:28: aber diese Frauen in ihren Wohnungen die ja meist dieser Arbeit was man heute als Teilzeit bezeichnen würde gemacht haben oder zb Wie ich vorhin gesagt habe, ihr auch keinen offiziellen Arbeitsvertrag hatten.
00:15:46: Die gingen vergessen ganz einfach und sie hatten wie wir ebenfalls groß in der Serie diskutieren was ich selbst auch sehr wichtig finde Sie hatten keine Chance um sich zu vernetzen und um sich gehört zu verschaffen.
00:16:01: Sie hatten
00:16:02: kein Lobby Sie durften zu diesem Zeitpunkt ja zum Beispiel nicht abstimmen.
00:16:07: Ja und ich glaube wirklich Also das muss man wirklich einfach doppelt und dreifach unterstreichen, dass Frauen die in Fabriken gearbeitet haben noch viel eher irgendwie Gelegenheiten hatten um sich auszutauschen.
00:16:19: Um sich zu organisieren.
00:16:21: Und wenn man halt alleine in seiner Wohnung sitzt und zwischen zwei drei schreienden Kindern diese Uhrenblätter bemalt dann hat man sehr wenig Ressourcen für sowas.
00:16:38: Eindrücklich ist ja, Das Podcast auch merkst, dass du eigentlich jemanden in der Familie hattest.
00:16:46: Eine Frau Ida, deine Großtante die auch in so einem Arbeitsverhältnis war also die auch im Heimarbeit gearbeitet hat für die Uhrenindustrie?
00:16:57: Ja das stimmt!
00:16:58: Das war absolut nicht vorgesehen, dass das passiert und wie ich auch im Podcast erzähle, war ich mir eine Weile lang auch unsicher ob Ich diese Geschichte wirklich so im Podcast teilen will, weil es ist ja ein Familienmitglied von mir.
00:17:15: Es ist eine sehr persönliche Geschichte.
00:17:17: irgendwo durch und auch nachdem ich um ihn da wusste haben wir weiter gesucht nach anderen Protagonistinnen Und diese Suche blieb aber erfolglos.
00:17:29: Wir hätten dann irgendwann natürlich noch immer weitersuchen können und irgendwann fand ich dann aber nein eigentlich ist das ja auch schön.
00:17:37: Jetzt denke ich im Nachhinein, dass dieser Zugang dem Format auch noch extrem viel gegeben hat.
00:17:45: Weil ich die Geschichte anders erzählen konnte wenn ich mir die Person so genau vorstellen kann.
00:17:51: Aber es war für mich nicht von Anfang an klar das ich das will.
00:18:01: Sie war da!
00:18:02: Die Frau mit einem feinen Pinsel... ...die Uhrenblatt nach Uhren Blatt mit Leuchttseffern bemalte.
00:18:22: Was mir besonders geblieben ist von dieser Serie sind Ausschnitte wie diese, die wir jetzt gerade gehört haben.
00:18:27: Also es schafft so sehr nah uns mitzunehmen und auch ranzuführen an diese Frauen deren Gesichter ja eigentlich im Verborgenen blieben.
00:18:37: also wir uns mitnehmen auf diese Spurensuche und versucht auch den Frauen ein Gesicht zu geben eine Geschichte zu geben und sie fassbar zu machen.
00:18:47: kannst du noch was erzählen über die Machart, also was ihr euch da überlegt
00:18:51: habt.
00:18:52: Sehr gerne!
00:18:54: Das war wirklich eine Riesenschallenge.
00:18:58: Zuerst gab es die Recherchephase und dann irgendwann fanden wir so jetzt müssen wir beginnen zu ordnen weil sonst wächst es uns komplett über den Kopf.
00:19:06: Ja zwei Jahre Recherches ist schon einiges
00:19:09: genau.
00:19:10: Damals hat Corinne in Leipzig gewohnt, dann haben wir uns eine Woche getroffen und wirklich nur angeordnet.
00:19:16: Und wir sind beide glaube ich relativ verzweifelt während dieser Woche weil wir wirklich merken ja wie erzählt man so etwas?
00:19:23: Wie erzählt man eine Geschichte über einen Stoff den man eigentlich nicht sehen oder greifen kann mit Protagonistinnen im Zentrum die man auch nicht sehen und nicht greifen können und die jetzt alle trotz sind?
00:19:36: Das war schon eine riesen Herausforderung!
00:19:39: Und ich fand es aber immer sehr, sehr spannend und finde auch das wir die Balance gefunden haben zwischen harten Fakten wenn ich das mal so sagen soll.
00:19:51: Und diesen Erzählungen damit man sich trotzdem einem Person vorstellen kann dass ja zum Teil auch fiktionalisiert dargestellt ist.
00:20:02: Ich habe dort auch sehr sehr explizit mit erzählerischen Elementen gearbeitet – ich komme aus der Literatur Und ich fand das einen sehr, sehr produktiven Zugang.
00:20:12: Also wirklich so diese Recherche und das Erzählen des Geschenens als eine Geschichte auch um die Hörerinnenschaft mitzunehmen an diesen vielen verschiedenen Orten.
00:20:25: und dann natürlich was extrem viel noch dazu beigetragen hat dass dieses Serie jetzt das ist, was sie isst, ist dass wir mit der Musikerin Fatima dann zusammen gearbeitet haben Und sie hat den Prozess
00:20:40: so erlebt.
00:21:12: Durch diese Effekte durch, nehme es auf und kombiniere dann das erneut
00:21:19: mit
00:21:20: neuen Klängen.
00:21:21: Zum Beispiel mit Cello oder diversen anderen Gitarren-Ebass.
00:21:28: Verstimmten
00:21:29: Klavierharmonium.".
00:21:42: Am Ende der Serie sagt ihr, wir sind noch lange nicht fertig mit dem Thema.
00:21:47: Was beschäftigt dich konkret?
00:21:50: Sind Punkte, wo du denkst da müsste sich etwas bewegen, etwas verändern.
00:21:54: Ich glaube jetzt gerade im Vordergrund für mich steht die Parlamentsdebatte, die im Moment noch im Gange ist.
00:22:00: dort wird über das Strahlenschutzgesetz diskutiert dass angepasst werden soll.
00:22:06: es geht vor allem um Dinge mit unserem Thema an sich nicht viel zu tun haben um Jodhtabletten und sowas aber unter anderem wird auch das Verursacherprinzip diskutiert, soll noch ein bisschen präzisiert werden.
00:22:22: Und dort wird zum Beispiel im Moment noch die Frage diskutiert sollen Fälle wo gegen das Strahlenschutzgesetz verstoßen wird auch dann strafbar sein wenn sie aus Fahrleistigkeit passieren und nicht vorsätzlich?
00:22:39: Und dort würde ich zB sehr sehr wichtig finden im Hinblick auf unseren Podcast dass natürlich auch Fälle wo dieser Schaden aus Fahrlässigkeit verursacht wird, trotzdem bestraft werden können.
00:22:55: Weil diesen Radiomsetzerinnen wollte ja niemand etwas Böses.
00:22:59: Aber es ist eben das Fehlen von Arbeitsschutzmaßnahmen, dass diese Frauen dann tatsächlich zum Verhängnis geworden
00:23:05: sind.".
00:23:06: Was würdest du oder was würdet ihr euch denn wünschen bei diesem Thema?
00:23:16: weil selber nicht so richtig wie ich eingestellt bin, wenn es um die Frage nach zum Beispiel wieder Gutmachung geht.
00:23:24: Weil ich finde das können nur Leute beantworten, die ganz ganz konkret von dieser Thematik betroffen sind also zb die Kinder von Radiumsetzerinnen, die noch leben.
00:23:34: aber ich finde die Schweiz ist immer unglaublich gut darin solche relativ wüsten Geschichtskapitel ein bisschen unter den Teppich zu wischen besonders wenn es nicht unglaublich viele Menschen betroffen hat.
00:23:47: Und ich würde mir schon sehr, sehr wünschen dass ein öffentliches Bewusstsein für diese Thematik aus diesen regionalen punktuellen Stellen rauskommt und etwas Größeres wachsen kann.
00:24:02: Ich habe die Frage auch Korringering gestellt deine Co-Autorin die du heute ja hier auch vertrittst und sie hat noch was Interessantes gesagt.
00:24:10: auch zur Frage Was weiß man überhaupt über diese Geschichte?
00:24:14: Also
00:24:14: was für mich vor allem auch am Ende stark hängen geblieben ist, hängt mit den medizinischen Untersuchungen zusammen die wir uns für unseren Podcast angeschaut haben.
00:24:25: Nämlich die Notwendigkeit von Langzeitstudien.
00:24:29: wenn dieser Langzeit Studien nicht durchgeführt wurden und man diese Daten nicht erhoben hat Dann hat man sie halt auch einfach nicht.
00:24:37: Für mich als Wissenschaftlerin auch die Frage, die immer im Raum steht welches Wissen brauchen wir um fundierte Entscheidungen treffen zu können Maßnahmen einleiten zu können und welches wissen muss man dann dafür auch
00:24:53: aktiv
00:24:54: schaffen?
00:24:55: Und das ist eine Frage die weit über jetzt die Erzählung, die wir in dem Podcast gemacht haben hinausgeht.
00:25:08: Die Schweiz hat selbst keine solche Langzeitstudien gemacht.
00:25:11: Und das können wir auch nie machen.
00:25:13: in diesem Fall, diese Frauen sind längst gestorben und auch wenn sie nicht mit Radium vergiftet worden wären, wie uns ihr wahrscheinlich jetzt auch gestorbt.
00:25:25: aber ich glaube es ist so ultra wichtig solche Geschichten zu erzählen eben wie ich vorhin gesagt habe ein öffentliches Bewusstsein dafür zu haben weil am Ende vom Tag geht es erstens hier um eine Gruppe die Historisch gesehen, oft marginalisiert wurde.
00:25:42: Wir sprechen von Frauen aus einem sozial tief gesetzten Milieu.
00:25:49: die kommen in den Geschichtsbüchern der Welt herzlich wenig vor und ich finde es ebenfalls sehr wichtig wenn wir uns heutige Debatten um Arbeitsrecht und Arbeitsschutz anschauen weil es eben wirklich betont wie wichtig ist ein tatsächlich gutes Arbeitsschutzgesetz zu haben, das greift und einem tatsächlich auch vor Gefahren schützt.
00:26:13: Den man im Beruf ausgesetzt ist.
00:26:21: Vielen Dank für das Gespräch und danke auch für eure Arbeit!
00:26:24: Vielen Dank hat mich sehr gefreut.
00:26:27: Und für alle die den Podcast noch nicht gehört haben dann ist es eine absolute Höheremfehlungen.
00:26:33: sie finden die fünfteilige Serie auf der Republikseite und auch auf allen gängigen
00:26:38: Podcastplattformen.
00:26:40: wir verlinken dass auch in den Shownotes.
00:26:43: Sie können Livia Großenbacher auch live erleben.
00:26:45: Sie wird zum Podcast zur Halbwärtszeit sprechen, und zwar am dritten September um achtzehn Uhr im Tangeli Museum in Basel.
00:26:54: Alle Infos dazu finden sie auch in den Shownotes.
00:26:57: Das war Update ein Podcast der Republik.
00:27:00: hier sprechen wir über Geschichten und wie es danach weiterging.
00:27:04: Produktion Laura Bachmann.
00:27:07: Mein Name ist Lucia Herrmann.
00:27:09: Die nächste Update Folge hören Sie nach der Sommerpause.
00:27:11: Wenn Sie keine Folgen verpassen wollen, dann abonnieren sie den Podcast ganz einfach.
00:27:17: Vielen Dank fürs Zuhören und für Ihre Zeit!
00:27:19: Tschüss zusammen!